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"Wir sind unter uns – und das stört uns"

07.10.2010 - Fränkischer Tag

Integration - 50 Forchheimer mit und ohne Migrationshintergrund trafen sich im Rathaussaal, um neue Impulse für ein besseres Miteinander zu setzen.

Forchheim Manchmal war Lisa Hoffmann nahe dran, zu resignieren. Seit Dienstagabend blickt die Awo-Vorsitzende und SPD-Stadträtin aber wieder optimistischer in die Welt der "Integration". 15 Jahre lang beschäftigt sie sich nun schon mit diesem Thema. Anlass zum Optimismus gibt ihr die Auftaktveranstaltung für das "Projekt Integrationsplanung". 50 Bürger kamen in den Rathaussaal. "Zusammen Leben gestalten", war das Treffen überschrieben. Auf Arbeitsgruppen verteilt, überlegten sich die Teilnehmer, wie ein positives Zusammenleben in Forchheim aussehen könnte.
Wobei vieles schon gut läuft. Emel Hosaf (Sprecherin der Frauengruppe der Yunus-Emre-Moschee) betonte die "ausschließlich positiven Erfahrungen", die sie mit den Schulen und Kirchen mache. Aushängeschild diesbezüglich sei die Adalbert-Stifter Schule, wo Schüler vieler Nationen ein reibungsloses Miteinander pflegten, merkte Manfred Hümmer an. Der FW-Stadtrat lobte zudem das Engagement der türkischen Gemeinde: Die habe sich in den letzten Jahren "geöffnet" und trage mit den Einladungen zum Moschee- und Kinderfest gezielt zur Integration bei.
Merklich verändert habe sich in Forchheim auch die Einstellung zum Spracherwerb, meinte Ludwig Baumgart (Regionalkoordinator vom Bundesamt für Migration). "Die Leute kommen von sich aus zu den Kursen." Allerdings wies der Regionalkoordinator auch auf die Schwachstellen des Forchheimer Integationsprozesses hin: Im Vergleich zu Städten wie Bamberg und Bayreuth falle auf, "dass die Repräsentanten der Stadt sehr zurückhaltend sind."
Was auch daran ablesbar sei, so Manfred Hümmer, dass der Migrationsbeirat seit fast zwei Jahren nicht mehr getagt hätte. Hümmer kritisierte die miserable Integration in das Vereinsleben: Nur bei 1,7 Prozent liege da der Ausländeranteil. Zudem gebe es so gut wie gar keinen Austausch etwa der Rumänen, Türken und Russen untereinander.
Emel Hosaf hingegen betonte die Defizite im Alltagsleben. "Beim Einkaufen werde ich oft wegen meines Kopftuches konfrontiert." Sie müsse sich immer wieder das Vorurteil gefallen lassen, kein Deutsch zu können, nur weil sie anders gekleidet sei, erläuterte Emel Hosaf in fließendem Deutsch.
Warum der Austausch zwischen den Kulturen nicht funktioniert, ist in manchen Fällen rätselhaft. So wies Olga Bulinger auf die Tanzabende der Deutschen aus Russland hin. Zwei Mal im Jahr werde getanzt. Ohne Resonanz in der übrigen Bevölkerung: "Wir sind unter uns – und das stört uns."
Ein Manko könnte darin liegen, vermutete Pfarrer Christian Muschler (Christuskirche), dass Einheimische die Migranten "als Objekt betrachten". Und fordern: Du musst dich eingliedern. Da werde so eine Art "Identifikationsdruck" aufgebaut, warnte Muschler. Selten würden die ausländischen Mitbürger schlicht gefragt: "Wie geht es dir hier?".
Eine Steuerungsgruppe (rund 20 Vertreter aus Vereinen und Parteien) wird die Ideen der Auftaktveranstaltung auswerten. Lisa Hoffmann geht davon aus, dass sich dann im Januar neue Arbeitsgruppen bilden, die sich mit den Themen "Kultur und Religion", "Bildung und Sprache" oder "Stadtstruktur und Gemeinschaft" beschäftigen werden.
Bisher habe es an Konkretheit gefehlt, sagt Lisa Hoffmann. In der Passivität des Migrationsrates sieht sie "eine gewisse Hilflosigkeit". Dass gehandelt werden muss, lässt auch die Statistik ahnen. Michael John (Basisinstitut Bamberg) unterfütterte die Diskussion am Dienstag mit Zahlen: Der Ausländeranteil liege in Forchheim bei 8,6 Prozent; doch der Anteil der Bürger mit Migrationshintergrund sei viel höher: 18 Prozent. In fünf Jahren werde der Anteil in Forchheim wie in ganz Bayern bei knapp 25 Prozent liegen. Im Schulsprengel der Stifter Schule haben schon jetzt 29 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund. Daher forderte John "Ideen für die nächsten fünf Jahre". Integration, verstanden als "dauerhafter Prozess der Eingliederung ohne Aufgabe der eigenen kulturellen Identität", setzte "Veränderungsbereitschaft" voraus – und zwar von allen. Michael John: "Das ist ein wechselseitiger Vorgang." (
Ekkehard Roepert)

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